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Michael Sabirlar

​Hier erzählt Michael offenherzig, mutig und​ beeindruckend seine Geschichte davon, wie er unfreiwillig beschnitten wurde. Michaels Geburtsname ist Mustafa, und er hat später seinen Namen aus persönlichen Gründen geändert . 

Hier erzählt Michael offenherzig, mutig und​ beeindruckend seine Geschichte davon, wie er unfreiwillig beschnitten wurde. Michaels Geburtsname ist Mustafa, und er hat später seinen Namen aus persönlichen Gründen geändert . 

„Das ist mein Geschenk an Dich“

​Michael wohnt in Holland und stammt aus einer türkischen Familie. Er ist heute 40 Jahre alt, und er erzählt, dass er mit einem muslimisch fundamentalistischen Vater aufgewachsen ​ist. Er erinnert sich, in der Türkei als 8-jähriger bei einem Beschneidungsfest (Sünnet) beschnitten worden zu sein. Traditionsgemäss lassen die Familien ihre Söhne im Alter zwischen 3 und 10 Jahren bei einem dieser Feste beschneiden. Die Jungen werden als kleine Prinzen verkleidet, sie bekommen Geschenke und werden im Dorf herumgezeigt, wonach sie beschnitten werden. Traditionell wird die Beschneidung als Übergangsritual, wo der Junge zum Mann wird, gesehen.

„Das ist mein Geschenk an Dich“ sagte Michaels Vater zu ihm, als er 8 Jahre alt war und auf seine Sünnet vorbereitet wurde. Michael erzählt, wie gespannt er war, weil er ein Geschenk bekommen sollte, und er wusste natürlich nicht, was das für ein Geschenk war. Es zeigte sich, dass das Geschenk darin bestand, beschnitten zu werden, und er hätte gerne darauf verzichtet. In der oben gezeigten Audiodatei erzählt Michael mehr davon.

Michaels Geschichte, die er jetzt als physisches und psychisches Trauma beschreibt, ist nicht ungehört geblieben. Im Gegenteil, er teilt sie mit vielen Jungen aus Beschneidungskulturen. „Alle akzeptieren es, und keiner redet darüber!“ sagt Michael.

„Was bist du doch für ein unglücklicher Junge!“​

„Was bist du doch für ein unglücklicher Junge!“​ sagt Michaels Vater zwei Jahre nach der Sünnet. Michael liegt im Krankenhaus weil er Komplikationen durch die Beschneidung hat. Der Schnitt wurde von dem Mann, der die Beschneidung durchführte, falsch angesetzt, und das bereitete Michael eine lange Zeit nach seiner Sünnet grosse Schmerzen. Dieses endete für Michael mit noch einem chirurgischen Eingriff.

Bildtext: Michael Sabirlar unter seinem Krankenhausaufenthalt wegen der Komplikationen durch die Beschneidung.

Michael hat seine Beschneidung nie vergessen, und in den Jahren danach entwickelte er immer grösseres Körperbewusstsein.​ Er wurde sich immer mehr darüber bewusst, dass ihm etwas fehlte, etwas, das ihm weggenommen worden war.  Am Anfang wusste er nicht genau, was ihm das Gefühl der Unzulänglichkeit gab. Er wandte sich deshalb anfänglich an seine Eltern und andere aus seinem Umfeld, um Antwort zu bekommen. Das führte aber zu nichts, erzählt er. Im Gegenteil, er erlebte, wie ihm seine Eltern und sein Umfeld mit Schweigen oder sogar Zorn begegneten. Er erzählt, dass sein Vater oft wütend wurde, und dass ihm oft Sätze erwidert wurden wie: „Stell Dich nicht so mädchenhaft an!“, oder „hätte ich gewusst, was das für eine Belastung ist, dann hättte ich es vielleicht nicht machen lassen. Aber jetzt reiss dich mal zusammen!“ Das fehlende Verständnis und die Wut taten dem Verhältnis zwischen Michael und seinem Vater nicht gut, und es endete im Streit.

Auch seine Mutter brachte Michael kein Verständnis engegen, und sie begründete es mit Reinlichkeit und gesundheitlichen Vorteilen. „Aber“, so sagt Michael, „beschnittene Männer müssen sich genauso waschen wie nicht beschnittene. Du wirst nicht sauberer dadurch, dass du beschnitten bist.“ führt er fort. „Und wenn du als Elternteil Geschlechtskrankheiten o.ä. vorbeugen willst, dann bring deinem Kind bei, ein Kondom zu benutzen, wenn es eines Tages sexuell aktiv wird, aber schneide nicht an seinem Penis herum!“

​Schweigen, fehlendes Verständnis und Wut schlug Michael nicht nur von Beschneidungskulturen, sondern auch von der Mehrheit der holländischen Gesellschaft entgegen, die seine Geschichte oder seine Gefühle weder anerkennen noch zu ihnen Stellung beziehen wollten. ​Im Gegenteil wollten sie ihn ignorieren und lächerlich machen. Obwohl er den Mut, den Willen und die Kraft hatte sich gegenüber anderen Menschen zu öffnen, brachten ihn diese Erlebnisse dazu, viele Jahre hindurch zu schweigen und sich in sich selbst zurückzuziehen.

„Und was hat das mit mir zu tun?“

Die Art und Weise, in der in den dazu gehörenden Kulturen über Beschneidung geschrieben wird, findet Michael enorm frustrierend. Er kann nicht verstehen warum seine Eltern das getan haben, und warum der Staat sie es tun liess, und warum sie ihm nicht selber die Wahl gelassen haben. Ein solcher Eingriff, erzählt Michael, der sowohl physisch wie auch psychisch potentiell schädlich und gefährlich ist, hätte seine eigene Wahl, und niemals die seiner Eltern, sein müssen. Ihm ist klar, dass es schwer ist, gegen die Beschneidungskulturen einzugreifen, aber wir sollten zusammenstehen und versuchen, Kinder vor unnötigen Eingriffen zu schützen. “ Es geht hier um mehr als Bescheidung durch einen Schnitt mit einem Messer. Es gibt viele Facetten und Verfahrensweisen, aber wir sollten zusammen versuchen alle Kinder zu beschützen. Die Antwort ist aber nicht, Beschneidung weiter zuzulassen.