Mark D. Reiss

Gründer des Brit Shalom Netwerks

Ich bin pensionierter Arzt, Jude, geboren 1933, aktives Mitglied einer konservativen Synagoge und Grossvater. In der Zeit als ich in den 50er Jahren Medizin studierte, wurden die meisten neugeborenen Jungen in den USA beschnitten. Obwohl man normalerweise keine vorbeugenden Operationen durchführte, lernten wir, dass Beschneidung das gesundeste og richtigste war. Wir lernten, dass sie Onanie kontrolliert, das Risiko für Krebs vermindert und gegen Übertragung von sexuell übertragbaren Krankheiten hilft. Wir lernten nichts von Anatomie und Funktion der Vorhaut. Das Nervensystem von Neugeborenen wurde als unterentwickelt angesehen, und ihr Schmerzempfinden wurde so sehr unterschätzt, dass es fast ignoriert wurde. Als junger Arzt nahm ich an vielen Beschneidungen teil. Im Laufe der Jahre war ich Zeuge der brit milah zuhause bei Freunden und Familie. Ich fühlte mich nicht wohl mit der Praxis, aber wie die meisten Ärzte hinterfragte ich Beschneidung nicht.

1999 wurde ich zum ersten Mal Grossvater, und mein Interesse am Thema wurde zielgerichteter. Ich erfuhr, dass immer mehr Ärzte verstanden hatten, dass die möglichen Vorteile der Beschneidung weit weniger wiegen als die Risiken und Nachteile, die eine Beschneidung mit sich bringt. Die amerikanische Akademie für Kinderärzte (AAP) erklärte: „Die routinemässige Beschneidung ist nicht notwendig“. Egal, ob sie von einem Arzt im Krankenhaus oder von einem Mohel im Rahmen einer Brit Milah durchgeführt wird, so ist die Prozedur mit einer hohen Komplikationsrate in Form von Infektionen, Blutungen und sogar Todesfällen verbunden. Die Todesrate kann sogar höher sein als angenommen, weil man davon ausgehen kann, dass einige der Todesfälle nicht der Beschneidung, sondern sekundären Ursachen wie Blutung und Infektion zugeschrieben werden. Ich habe seither etwas gelernt über die sehr wichtige Rolle, die die Vorhaut zum Schutz der Eichel des Neugeborenen und die sexuelle Funktionfähigkeit des Erwachsenen spielt.

Es ist auch bewiesen, dass Neugeborene Schmerzen intensiver fühlen als Erwachsene, und dass viele dieser Babys, die unter der Beschneidung aufhören zu schreien, dies aus einem Zustand des Schocks tun. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich, dass die USA das einzige Land der Erde ist, ihn dem Kinder ohne religiöse Begründung routinemässig beschnitten werden.

Beeindruckt von diesen schlagenden Argumenten gegen das Beschneiden, begann ich, mir die Praxis der rituellen Beschneidung in der jüdischen Gesellschaft anzuschauen, und ich erkannte, dass sie keine Frage der Identität ist. Das jüdische Gesetz der Beschneidung ist nicht wichtiger als andre jüdische Gesetze, und du musst nicht unbedingt beschnitten sein, um jüdisch zu sein. Im Grunde ist es so, dass wenn deine Mutter Jüdin ist, dann bist auch du Jude, Punkt. Und in reformierten Gemeinden werden auch Kinder von jüdischen Vätern akzeptiert. Unter den Juden in Europa (nur ca. 40 % der in Schweden neugeborenen Juden werden beschnitten), in Südamerika und sogar in Israel wird Beschneidung nicht bei allen vorgenommen. Eine immer grösser werdende Anzahl von amerikanischen Juden lassen jetzt ihre Söhne intakt, weil sie die Beschneidung als einen Teil des jüdischen Gesetzes sehen, den sie nicht akzeptieren können. Einige Rabbiner halten nun alternative brit b’li milah oder brit shalom Rituale ab, also rituelle Namensgebungszeremonien ohne Beschneidung. Eine wachsenden Zahl von intakten Jungen gehen nun in religiöse Schulen, und diese Jungen stehen hinter der Mitzvah und sie finden ihren Platz als junge Erwachsene in der jüdischen Gesellschaft.

Als jüdischer Grossvater möchte ich den jungen Paaren, die Kinder in die Welt setzen, versichern, dass es auch andere Mitglieder der „älteren“ jüdischen Generation gibt, inklusiv jüdische Ärzte und sogar einige Rabbiner, die meine Sichtweise teilen. Wenn eure Herzen und Instinkte euch auffordern, euren Sohn intakt zu lassen, dann hört auf sie!

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